Das Omnibus-Verfahren der EU hat den ursprünglichen CSRD-Ansatz deutlich verändert und die Zahl der verpflichteten Unternehmen stark begrenzt. Trotz anhaltender Unsicherheiten rund um „Omnibus“ bleibt der europäische freiwillige Berichtsstandard für KMU (VSME) für viele Unternehmen eine praktikable Alternative, um nachhaltigkeitsbezogene Kennzahlen strukturiert offenzulegen. Die ASEW hat Mitte des Jahres eine VSME-Projektgruppe gestartet, die das ASEW-Netzwerk bei der Berichterstellung nach VSME unterstützen soll. „Mit 27 Stadtwerken hat unser Ansatz dabei eine gute Resonanz gefunden“, ist Goldy Raimann, Teamleiterin Nachhaltigkeit bei der ASEW, überzeugt. „Im Rahmen der Arbeit wurde schnell deutlich: Auch der im Vergleich ‚schlankere‘ Standard bringt in der Umsetzung spürbare Herausforderungen mit sich, vor allem bei der Datenerhebung, bei Abgrenzungsfragen und bei der Einordnung von Kennzahlen.“
Diese Situation ist nicht auf die Versorgungswirtschaft beschränkt. Auch andere Branchen stehen vor ähnlichen Fragen, viele nutzen dafür bereits die kostenfreie digitale Plattform des Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK). Vor diesem Hintergrund hat der DNK im Verbund mit dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, dem Rat für Nachhaltige Entwicklung (RNE) und der Deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) gemeinsam mit 24 Branchenverbänden einen Pilotprozess durchgeführt. „Ziel des Prozesses war es, praxisnahe, branchenspezifische Hinweise und Beispiele entlang der VSME-Anforderungen zu erarbeiten. Dies soll es Unternehmen letztlich ermöglichen, die VSME-Vorgaben besser anwenden zu können und typische Branchenbesonderheiten sauber abzubilden. Die ASEW war Teil der beteiligten Verbände und hat die Stadtwerke-Perspektive in den Prozess eingebracht.“
Grundlage der Arbeit dieser Pilotgruppe waren DNK-Guidelines und ein Template mit VSME-Datenpunkten, die in Workshops und Reviews mit Verbänden und Unternehmen um Definitionen, Beispiele und klare Abgrenzungen ergänzt wurden. Die Ergebnisse werden als Branchentipps in das VSME-Modul der DNK-Plattform aufgenommen und stehen Unternehmen bei der Berichtserstellung direkt zur Verfügung.
Die ASEW konnte im Prozess die spezifischen Stadtwerke-Herausforderungen deutlich akzentuieren und: „Unsere Mitglieder kämpfen nicht mit Schlagworten, sondern mit Daten, Systemgrenzen und echten Abgrenzungsfragen“, gibt ASEW-Geschäftsführerin Daniela Wallikewitz zu bedenken. „Genau diese Praxis wollten wir im Prozess sichtbar machen und haben das erfolgreich getan.“
Gerade in Stadtwerken sind zentrale Kennzahlen wie Wasserverbrauch bzw. Wasserentnahme oder THG-Emissionen oft komplexer als in vielen anderen Branchen. Das liegt daran, dass Stadtwerke häufig mehrere Sparten bündeln (Energie, Wasser, Wärme, Netze und teilweise weitere Bereiche) und die Systemgrenzen entsprechend klar beschrieben werden müssen. Bei den Wasserkennzahlen wird das besonders deutlich, wenn kommunale Energieversorger zugleich als Trinkwasserversorger tätig sind. Bei der Wasserentnahme müssen zwei Perspektiven auseinandergehalten werden: Erstens der betriebliche Eigenverbrauch in Liegenschaften, Anlagen und Betriebsprozessen. Zweitens die Wasserentnahme für die Trinkwasserversorgung von Haushalten, Gewerbe und Industrie, die meist den Großteil der Gesamtentnahme ausmacht und aus Grund- oder Oberflächenwasser stammt.
Zusätzlich gehören Wasserverluste durch Leckagen in die Betrachtung. „In Deutschland ist Wasserentnahme an Standorten mit hoher Wasserknappheit kurzfristig häufig nur regional ein dominantes Thema“, gibt Goldy Raimann zu bedenken. „Trotzdem braucht es eine regelmäßige kommunale Prüfung, weil sich Rahmenbedingungen durch Klimawandel und regionale Besonderheiten langfristig verändern können, etwa beim Wasserdargebot oder durch Netzverbünde außerhalb des eigenen Versorgungsnetzes.“
Auch bei THG-Kennzahlen ist die richtige Logik entscheidend. „Bei Energieversorgern entfallen häufig rund 90 Prozent der Emissionen auf Scope 3“, ordnet Maria Möhner, Teamleiterin Klimaschutz bei der ASEW, die besonderen Herausforderungen von Stadtwerken ein. „Wenn Scope 3 nicht berücksichtigt wird, zeigt die Bilanz nur einen kleinen Teil der tatsächlichen Klimawirkung. Da Strom- und Gasvertrieb bzw. die energiewirtschaftliche Wertschöpfung zum Kerngeschäft gehören, sind nachvollziehbare Scope 3-Angaben wichtig für glaubwürdige Klimastrategien, belastbare Ziele und die Einschätzung finanzieller Risiken. Banken und Investoren erwarten zudem zunehmend Transparenz bei Scope 3, um die Transformationsfähigkeit eines Unternehmens bewerten zu können.“
Viele Verbände bereiten die Ergebnisse des Pilotprozesses nun in eigenen Formaten auf, etwa als Leitfäden, Orientierungspapiere oder Webinare. Auch die ASEW wird die VSME-Unterstützung gezielt in die Arbeit mit ihren Mitgliedsunternehmen einbinden, um den Einstieg in die Berichterstattung zu erleichtern und die Anforderungen von Finanzierungspartnern sowie Geschäftskunden besser bedienen zu können. So werden die zentralen Ergebnisse zusätzlich auch außerhalb der DNK-Plattform verfügbar gemacht.
Regelmäßige Updates zur Arbeit der Projektgruppe gibt es auf der ASEW-Webseite.