Apotheken-News: Kommentar von heute
Kommentar von Seyfettin Günder zu den aktuellen Apotheken-Nachrichten über dm-med als politisches Warnsignal und die Frage, wie Versorgung gegen Entgrenzung stabil bleibt
Die Debatte um dm-med wird im ersten Moment gern als Aufgeregtheit abgetan, weil sie nach Regal und Routine aussieht. Genau darin liegt die Gefahr: Wenn Arzneimittelverkauf als beiläufige Ergänzung des Drogerieeinkaufs erscheint, verschiebt sich die Wahrnehmung von Versorgung, ohne dass jemand einen formalen Systemwechsel beschließen muss. Wer im ländlichen Raum ohnehin auf Kante führt, spürt solche Verschiebungen nicht als Marktspiel, sondern als schleichende Absenkung der Reserve. Die politische Warnung wirkt deshalb weniger wie Wahlkampf und mehr wie ein Reflex auf ein reales Risiko: Was als Angebotserweiterung beginnt, kann die Versorgungslandschaft in eine Vergleichslogik drücken, in der Bindung, Verantwortung und Haftung nicht mitskaliert werden.
Entscheidend ist nicht, ob ein einzelnes Sortiment „gefährlich“ ist, sondern welche Erwartung es erzeugt. Wer Arzneimittel dort verortet, wo sonst Kosmetik, Nahrungsergänzung und Convenience wohnen, lädt die Kategorie Gesundheit mit einem falschen Versprechen auf: schnell, einfach, austauschbar. Apotheken tragen jedoch die unbequeme Pflicht, genau diese Austauschbarkeit zu widersprechen, wenn Indikation, Wechselwirkung, Fehlgebrauch oder Grenzen der Selbstmedikation ins Spiel kommen. In einem System, das ohnehin unter Finanz- und Personaldruck steht, ist jede zusätzliche Entwertung dieser Grenzarbeit kein Nebeneffekt, sondern ein Lastpfad.
Darum ist die politische Dimension nicht peinlich, sondern logisch. Wahljahre verstärken nur die Lautstärke, nicht die Mechanik: Wer Verantwortung für Fläche behauptet, muss erklären, wie Fläche wirtschaftlich überlebt, wenn Nachfrage in neue Kanäle abwandert und zugleich die Pflichten der Vor-Ort-Struktur unverändert bleiben. Das führt zu einer unpopulären Wahrheit: Ein Markt kann sich „modernisieren“ und dabei die Kosten der Modernisierung an die falsche Stelle drücken, nämlich in die Betriebe, die am Ende Haftung, Nacht, Beratung und Krisen abfangen. Wenn das passiert, entsteht ein System, das nach außen günstig wirkt und nach innen teurer wird.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob ein Drogeriekonzern Arzneimittel verkaufen darf, sondern welche Ordnung daraus folgt. Ordnung heißt: klare Grenzen dessen, was ohne heilberufliche Verantwortung plausibel ist, und klare Kostenwahrheit dessen, was Versorgung verlässlich macht. Wo diese Ordnung fehlt, wird der Wettbewerb zur Entgrenzung, und Entgrenzung ist kein Fortschritt, sondern ein Risiko, das erst später sichtbar wird. Der Preis ist dann nicht die Schlagzeile, sondern die Summe aus Schließungsdruck, Qualitätsverlust und einer Versorgung, die stabil wirken soll, obwohl die Reserve ausgedünnt wird.
An dieser Stelle fügt sich das Bild.
Ein Regal kann ein Signal sein, bevor es ein Marktanteil ist, und genau deshalb ist die Aufregung nicht lächerlich, sondern präventiv. Die Verschiebung beginnt leise: weniger Frequenz, weniger Bindung, mehr Vergleich, mehr Rechtfertigung im Betrieb. Wer dann sagt, man müsse sich eben anpassen, übersieht die Asymmetrie zwischen Pflicht und Spielraum, weil Anpassung in der Apotheke oft nur noch bedeutet, Reserve zu verbrauchen. Politik erkennt solche Asymmetrien manchmal spät, aber wenn sie sie erkennt, ist das kein Luxus, sondern ein letzter Zeitpunkt, um die Ordnung der Versorgung nicht im Nachhinein zu reparieren.
Dies ist kein Schluss, der gelesen werden will – sondern eine Wirkung, die bleibt. Wenn Arzneimittel in eine Alltagslogik rutschen, verändert sich nicht nur der Kaufakt, sondern der Maßstab dessen, was Menschen von Versorgung erwarten. Apotheken werden dann nicht durch einen großen Schnitt geschwächt, sondern durch tausend kleine Verschiebungen, die jeweils plausibel wirken und zusammen fatal sind. Der Test für jedes neue Modell ist nicht der erste Monat, sondern die Frage, ob es in einem Jahr noch Reserve erzeugt oder nur Reserve frisst. Wer Versorgung ernst nimmt, muss diese Zeitachse gelten lassen, auch wenn das weniger bequem ist als der schnelle Applaus für „Innovation“.
SG
Prokurist | Publizist | Verantwortungsträger im Versorgungsdiskurs
Kontakt: sg@aporisk.de
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Wer das für Formalie hält, unterschätzt die Verantwortung, die Sprache heute tragen muss.
Ein Kommentar ist keine Meinung. Er ist Verpflichtung zur Deutung – dort, wo Systeme entgleiten und Strukturen entkoppeln.
Ich schreibe nicht, um zu erklären, was gesagt wurde. Ich schreibe, weil gesagt werden muss, was sonst nur wirkt, wenn es zu spät ist.
Denn wenn das Recht nur noch erlaubt, aber nicht mehr schützt, darf der Text nicht schweigen.
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