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Apothekenreform 2025, Koalitionsversprechen ohne Pfad, Risiko für 2026

Ausgabe Nr. 127 | Der Rückblick erklärt Abläufe, aber die offene Wirkung entscheidet über Betriebssicherheit

(PresseBox) (Karlsruhe, )
Stand: Dienstag, 30. Dezember 2025, um 13:30 Uhr

Apotheken-News: Kommentar von heute

Kommentar von Seyfettin Günder zu den aktuellen Apotheken-Nachrichten über Neuwahlen, Regierungsbildung und Apothekenreform als offenes Wirkversprechen

Ein politischer Jahresrückblick ist bequem, solange er Ereignisse sortiert. Wirklich relevant wird er erst dort, wo aus Ereignissen eine Kette entsteht, die Betriebe bindet. 2025 war ein Jahr der neu verteilten Macht, der großen Formeln und der kleinen Korrekturen am Rand. Die entscheidende Frage bleibt unbeantwortet: Wann wird aus Versprechen ein verlässlicher Auszahlungspfad, der Planung wieder möglich macht. Ohne diesen Pfad ist jede Reform ein Verfahren, das Zeit verbraucht und Reserve frisst.

Neuwahlen und Regierungsbildung wirkten im Frühjahr wie ein Neustart, der die Erwartung nach schneller Entlastung automatisch mitschiebt. Genau diese Erwartung hat eine eigene Härte, weil sie in den Betrieben nicht als Stimmung läuft, sondern als Kalkulation. Wer Personal hält, Lieferdruck auffängt und Dokumentationspflichten trägt, kann politische Zeit nicht beliebig dehnen. Wenn der Koalitionsvertrag Fixum, Landkomponente, Verhandlungslösung und Bürokratieabbau ankündigt, entsteht eine implizite Zusage: Der Betrieb soll nicht länger auf Kante fahren. Sobald diese Zusage in den Monaten danach in Verfahren ausweicht, kippt Hoffnung in Vorsicht, und Vorsicht ist im Alltag selten produktiv.

Der Sommer hat gezeigt, wie schnell Gesundheits- und Versorgungsthemen politisch in den Hintergrund rutschen, sobald sie nicht als Machtsignal taugen. Dann wird über Beiträge, Defizite und Sparpakete gesprochen, aber Versorgung wird wie eine Zahl behandelt, nicht wie eine Struktur. Das wirkt bis in die Apothekenlogik hinein, weil jedes Signal der Kostendämpfung die Erwartung bestätigt, dass Stabilisierung zuerst über Begrenzung läuft. In so einer Lage wird Reform nicht an der Sprache gemessen, sondern an der Frage, ob sie Reserve erzeugt oder Reserve abbaut. 2025 hat an dieser Stelle mehr abgebaut als aufgebaut.

Der Auftritt auf dem Apothekertag und der folgende Entwurf markieren den Kernkonflikt: Das Reformpaket will Ordnung herstellen, ohne sofort Geld freizusetzen. Das ist politisch verständlich, operativ aber riskant. Ordnung ohne tragfähige Finanzierung verschiebt Verantwortung nach unten, und unten sitzt der Betrieb, nicht die Haushaltslogik. Jede neue Vertretungsregel, jede neue Nachweispflicht, jede neue Prüfspur ist im Alltag nicht neutral, sondern Arbeit, Haftung und Konfliktpotenzial. Wenn gleichzeitig die Fixumfrage vertagt wird, entsteht eine asymmetrische Modernisierung: Das System wird dichter, aber nicht tragfähiger.

2026 wird deshalb nicht durch den Rückblick entschieden, sondern durch die erste Kollision zwischen Anspruch und Realität. Die parlamentarische Beratung wird zum Lackmustest, ob Politik aus dem Jahr der Ereignisse in ein Jahr der Wirkung kommt. Wenn die Fixumfrage wieder auf die Tagesordnung gesetzt wird, zählt nicht die Ankündigung, sondern die Mechanik: Wer zahlt, wann, nach welchem Maßstab, und wie verlässlich ist das im Betriebskalender. Ohne diese Mechanik entsteht ein Dauerzustand aus Erwartung und Vertagung, der die Versorgung nicht spektakulär zerstört, aber schrittweise vorsichtiger macht. Und Vorsicht ist die stille Vorstufe von Rückzug.

Die eigentliche Pointe des Jahresrückblicks liegt damit in einer unbequemen Diagnose: Reformen, die die Härte des Alltags nicht in eine verlässliche Statik übersetzen, wirken wie Bewegung, aber erzeugen keine Sicherheit. 2025 war voller Bewegung. Der Maßstab für 2026 ist, ob daraus endlich Belastbarkeit wird.

An dieser Stelle fügt sich das Bild.

Ein politischer Rückblick ordnet die Bühne, aber nicht die Bilanz der Betriebe. In der Versorgung zählt weniger, wer wann was angekündigt hat, sondern ob daraus ein stabiler Rhythmus aus Finanzierung, Regeln und Personalreserve entsteht. Wo Verfahren länger laufen als Reserven reichen, wird Reform zur Dauerbelastung. 2026 entscheidet, ob aus Versprechen wieder Verlässlichkeit wird.

Dies ist kein Schluss, der gelesen werden will – sondern eine Wirkung, die bleibt. Wenn Politik Wirkpfade offenlässt, füllt der Betrieb die Lücke mit Risiko. Das sieht nach außen wie Stabilität aus und innen wie tägliche Verengung. Der Preis dieser Verengung taucht später auf, meist als Störung an einer Stelle, die niemand geplant hat. Verlässlichkeit ist kein Nebenprodukt, sie ist die Hauptleistung der Versorgung.

SG
Prokurist | Publizist | Verantwortungsträger im Versorgungsdiskurs
Kontakt: sg@aporisk.de
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Wer das für Formalie hält, unterschätzt die Verantwortung, die Sprache heute tragen muss.
Ein Kommentar ist keine Meinung. Er ist Verpflichtung zur Deutung – dort, wo Systeme entgleiten und Strukturen entkoppeln.
Ich schreibe nicht, um zu erklären, was gesagt wurde. Ich schreibe, weil gesagt werden muss, was sonst nur wirkt, wenn es zu spät ist.
Denn wenn das Recht nur noch erlaubt, aber nicht mehr schützt, darf der Text nicht schweigen.

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