Die hausärztliche Versorgung steht vor einer tektonischen Verschiebung, deren Vorbeben längst zu spüren sind. Was heute noch als punktuelle Unterversorgung registriert wird, droht sich in den kommenden Jahren zu einem strukturellen Mangel auszuwachsen, der das gesamte Versorgungssystem durchdringt. Ein Viertel der Hausärztinnen und Hausärzte plant, in den nächsten fünf Jahren die Praxis aufzugeben – das ist nicht nur ein statistisches Alarmsignal, sondern ein struktureller Ernstfall. Besonders gravierend ist die Erkenntnis, dass es kein Pendant an Nachwuchs gibt, das diese Lücke schließen könnte. Stattdessen verdichtet sich die Lage: Immer mehr Sitze bleiben unbesetzt, immer weniger Mediziner entscheiden sich für eine Niederlassung im hausärztlichen Bereich. Die Bertelsmann Stiftung und die Universität Marburg haben mit ihrer Umfrage unter knapp 3.700 Allgemeinmediziner:innen nicht nur eine Prognose vorgelegt, sondern eine präzise Zustandsbeschreibung geliefert – nüchtern, repräsentativ, unübersehbar.
In Grefrath gibt es Probleme, denn die Deutsche Post beliefert die Marien-Apotheke nur noch während der Mittagszeit – da ist der Betrieb jedoch geschlossen. Die Folge: Arzneimittel erreichen ihre Empfänger zu spät oder gar nicht, mit potenziell schwerwiegenden Konsequenzen insbesondere für ältere oder pflegebedürftige Patienten. Die zeitliche Taktung von Versorgungsketten ist längst nicht mehr nur ein logistisches Problem, sondern ein gesundheitspolitisches Risiko. Wenn betriebliche Öffnungszeiten und externe Dienstleister nicht synchronisiert werden, entstehen Versorgungslücken auf der Mikroebene, die sich summieren und die Resilienz der Apothekenstruktur insgesamt infrage stellen.
Das Konzept der Easy-Apotheken durchläuft unterdessen eine strategische Transformation. Unter dem Motto "Es steckt Easy drin, steht aber nicht drauf" öffnet sich die Marke für neue Partnerschaften jenseits der bisherigen Markensprache. Franchisenehmer erhalten mehr Gestaltungsfreiheit, ohne auf das operative Rückgrat der Kette zu verzichten. Damit reagiert das Unternehmen auf das veränderte Apothekenbild in der Öffentlichkeit, auf das Bedürfnis nach unternehmerischer Individualität und auf die zunehmende Marktdurchdringung durch Versandplattformen. Gerade für junge Apotheker:innen, die unternehmerisch starten wollen, ohne alle Risiken allein zu tragen, kann das Modell eine Perspektive bieten.
Eine neue Sicherheitsmeldung betrifft den Wirkstoff Semaglutid, bekannt aus den Präparaten Ozempic und Wegovy. Die US-Zulassungsbehörde FDA hat auf Basis aktueller Auswertungen entschieden, das Risiko einer seltenen Augenerkrankung als mögliche Nebenwirkung in die Produktinformationen aufzunehmen. Die Aktualisierung erfolgt vor dem Hintergrund steigender Verordnungszahlen weltweit, insbesondere im Off-Label-Gebrauch zur Gewichtsreduktion. Apotheken müssen ihre Beratung anpassen, Ärzt:innen müssen das Risiko in ihre Indikationsentscheidung einbeziehen – und Krankenkassen stehen vor der Herausforderung, einen verantwortungsvollen Umgang mit der steigenden Nachfrage zu fördern, ohne wirtschaftlichen Fehlanreizen Vorschub zu leisten.
Gleichzeitig verschärft sich der politische Druck auf das Bundesgesundheitsministerium. Ministerin Nina Warken hat angekündigt, den bisher unter Verschluss gehaltenen Untersuchungsbericht zur Maskenbeschaffung in der Corona-Pandemie dem Bundestag zugänglich zu machen. Hintergrund sind Vorwürfe, die in der Öffentlichkeit und im parlamentarischen Raum seit Monaten kursieren: überteuerte Verträge, fragwürdige Lieferketten, mangelnde Transparenz. Die Freigabe könnte zur juristischen Aufarbeitung beitragen, aber auch politische Dynamiken neu entfachen – gerade im Hinblick auf die Rolle früherer Amtsinhaber und den Umgang mit öffentlichen Mitteln in Krisenzeiten.
Parallel dazu rücken Apotheken erneut ins Zentrum einer wirtschaftlichen Gefahrenlage. Infolge der Insolvenz mehrerer Rezeptabrechnungszentren stehen zahlreiche Apotheken vor der Frage, wie sie sich vor Vermögensschäden schützen können. Die vermeintlich administrative Funktion der Rezeptabrechnung hat sich in der Realität als systemrelevante Achillesferse entpuppt: Wenn die Abrechnung ausfällt, fehlen Liquidität, Planungssicherheit und betriebliche Stabilität. Versicherungen gegen Vertrauens- und Vermögensschäden gewinnen an Bedeutung, doch der Markt ist intransparent, die Absicherungslücken sind real. Politik, Kammern und Versicherer sind gleichermaßen gefordert, neue Standards zu definieren, um das Fundament der Apothekenfinanzierung zu stabilisieren und Risiken planbar zu machen.
Die Versorgungsstruktur steht damit auf mehreren Ebenen unter Druck – vom Hausarztmangel über unzuverlässige Logistik bis zur Systemfrage in der Rezeptabrechnung. Wer Versorgung sichern will, muss nicht nur über neue Modelle sprechen, sondern bestehende Lücken erkennen, adressieren und schließen. Die Zeit läuft – für die Praxen, für die Apotheken, für die Patienten.
Von Engin Günder, Fachjournalist