Der Nordic Bond-Markt hat sich in den vergangenen Jahren zu einer festen Größe im europäischen Fremdkapitalmarkt entwickelt – insbesondere für wachstumsorientierte Small- und Midcaps. Standardisierungen, transparente Strukturen, schnelle Platzierungsprozesse sowie eine internationale Investorenbasis machen das Segment zunehmend auch für deutsche Emittenten attraktiv. Über die aktuelle Entwicklung des Nordic Bond-Segments, veränderte Investorenanforderungen sowie die Diskussion über einen geforderten „German Bond Standard“ sprechen wir mit Christian Czaya, Deutschland-Chef von Pareto Securities, einem der führenden Arrangeure in diesem Segment.
Anleihen Finder: Hallo Herr Czaya, der Nordic-Bond-Segment wächst weiter stark. Welche Faktoren tragen aus Ihrer Sicht maßgeblich zum enormen Wachstum des Segments bei?
Christian Czaya: Das Nordic High Yield Segment wächst tatsächlich weiter sehr dynamisch. Das Neuemissionsvolumen in 2025 hat mit 21.8 Mrd. Euro (+22% ggü. Vorjahr) einen neuen Rekordwert erreicht und damit die Bestmarke von 2024 erneut deutlich überschritten. Transaktionstreiber waren neben Anleihe-Refinanzierungen (61%) vor allem Unternehmens-, Capex- und M&A-Finanzierungen. Zusätzlich unterstützt wurde die Angebotsseite auch durch eine zunehmende Anzahl an PE-Sponsoren, die vermehrt den Nordic Bond als verlässliche und flexible Finanzierungsoption für ihre Portfoliounternehmen wahrnehmen.
Anleihen Finder: Welche Rolle spielen aktuell deutsche Emittenten im Nordic Bond-Segment – und wie hat sich deren Bedeutung verändert?
„Die Internationalisierung des Nordic HY Segments schreitet weiter voran“
Christian Czaya: Die Internationalisierung des Nordic HY Segments schreitet weiter voran. Sowohl auf Emittenten wie auch Investorenseite dominiert mittlerweile der internationale ggü. dem klassisch nordischen Angebots- und Nachfragehintergrund. Auch deutsche Emittenten nutzen das Anleiheformat in immer stärkerem Umfang. Das Gesamtemissionsvolumen deutscher Unternehmen in 2025 lag bei 1,8 Mrd. Euro, davon 700 Mio. Euro von Debütemittenten allein in Q4. Dabei ist auch das durchschnittliche Volumen pro Anleihe über die vergangenen Jahre beständig gewachsen – der ebenfalls wachsende Pool an nationalen und internationalen institutionellen Investoren erlaubt auch deutschen Unternehmen wie Homann Holzwerkstoffe, BOS, smava, Mühlhan und DWK Life Sciences mittlerweile Emissionsvolumina von > 100 Mio. Euro zu platzieren.
Anleihen Finder: Welche Branchen sind derzeit besonders aktiv oder gefragt im Nordic Bond-Markt? Sehen Sie generell Unterschiede im Investorenverhalten zwischen nordischen und kontinentaleuropäischen Anlegern?
Christian Czaya: Der Nordic Bond ist relativ sektor-agnostisch. Natürlich ist auch dieses Format allgemeinen wirtschaftlichen und politischen Strömungen unterworfen – die Automobilbranche oder auch der Real Estate Sektor stellen kapitalmarktseitig trotz erster Erholungstendenzen weiterhin eine Herausforderung dar. Aber auch hier profitieren Emittenten von einer globalen und sehr professionellen, institutionellen Investorenbasis, die in der Lage ist, das transparente Dokumentations- und Researchmaterial einer Emission zu analysieren und einzuordnen. Nordische Investoren gehen da nicht viel anders vor, als kontinentaleuropäische oder US-Investoren. Der deutsche Investorenmarkt ist allenfalls weniger stark institutionell getrieben. Klassische Assetmanager mit dezidierten Fonds wie zum Beispiel der stark wachsende Nordic HY Bond Fund von Lazard AM gehören in Deutschland noch zur Ausnahme.
Anleihen Finder: Was unterscheidet einen Nordic Bond grundsätzlich von einer klassischen Unternehmensanleihe?
„In diesem Kapitalmarktsegment ist der Nordic Bond quasi alternativlos“
Christian Czaya: Da stellt sich zunächst die Frage, was eine klassische Unternehmensanleihe ist? Der Nordic Bond ist auf jeden Fall grundsätzlich ein dokumentationsseitig stark standardisiertes Anleiheformat, das für Emissionsvolumina von 30 bis 500 Mio. Euro Gegenwert ohne ein externes Rating begeben werden kann. In diesem Kapitalmarktsegment ist der Nordic Bond quasi alternativlos. Standardisierungen schaffen Konfidenz auf Emittenten- und Investorenseite – beim Nordic HY Format können beide Seiten u.a. auf Elemente wie eine Dokumentation nach LMA-Standard, eine umfangreiche Investorenpräsentation, ein während der Anleihelaufzeit begleitendes Credit-Research und eine zentrale, externe Trustee-Funktion vertrauen. Transparenz steht im Fokus des Formats und High Yield ist mit Risiken verbunden – Investoren müssen sich gerade in Ermangelung eines externen Ratings auf eine rechtssichere Dokumentation und transparente Research Analyse verlassen können.
Anleihen Finder: Welche formalen und inhaltlichen Kriterien müssen Emittenten typischerweise erfüllen, um einen Nordic Bond erfolgreich zu platzieren?
Christian Czaya: Investoren interessiert zunächst die Bonität eines Unternehmens. Diese umfasst u.a. Kriterien wie die Verschuldung im Verhältnis zu den Cash-Flows, die Kapitaldienstfähigkeit, der Zyklus der Branche oder auch der Eigentümerhintergrund des Unternehmens. Ganz wichtig ist die neudeutsch genannte „Kapitalmarkt-Readiness“. Kann das Unternehmen also transparent und idealerweise quartalsweise über die Unternehmensentwicklung berichten und dies auch auf dem internationalen Parkett bei Investorenkonferenzen darstellen? Diese nicht abschließende Aufzählung verdeutlicht: es gibt eine Vielzahl von Aspekten, die für einen gelungenen Kapitalmarktauftritt zu berücksichtigen sind.
Anleihen Finder: In Deutschland wird derzeit über die Einführung eines „German Bond Standards“ diskutiert. Wie bewerten Sie diese Initiative grundsätzlich?
„Warum hier ein neuer `deutscher Standard´ neben ein global etabliertes Platzierungsformat wie den Nordic HY Bond gesetzt werden soll, erschließt sich mir nicht“
Christian Czaya: Standardisierungen von Rahmenbedingungen und Transaktionsprozessen im Kapitalmarkt sind zunächst einmal begrüßenswert. Einheitliche Verfahrens- und vor allem Dokumentationsstandards schaffen Vertrauen und erhöhen die Rechtssicherheit. Warum hier ein neuer „deutscher Standard“ neben ein global etabliertes Platzierungsformat wie den Nordic HY Bond gesetzt werden soll, erschließt sich mir allerdings nicht. Das Argument einer zusätzlichen Komplexität durch die Anwendung mehrerer Rechtsordnungen in derselben Transaktion im Nordic Bond scheint mir überzeichnet – das norwegische oder schwedische Kapitalmarktrecht schützt Investoren genauso gut und in Teilen sogar besser, als die Regelungen des deutschen Schuldverschreibungsgesetzes. Mit Blick auf letzteres kann ich jedenfalls keinen superioren Schutz erkennen – Beispiele, in denen Gläubigerversammlungen von Interessenvertretern (mitunter sogar gemeinsamen Vertretern) zum eigenen Vorteil „gekapert“ wurden, gibt es zuhauf. Anpassungsprozesse im Nordic Bond Standard hingegen sind transparent und getestet. Der Ablauf des schriftlichen Verfahrens, im Nordic Bond „Written Procedure“ genannt, wird durch den Trustee prozessual genau definiert und führt zu einer Gleichbehandlung aller Anleiheinvestoren.
Anleihen Finder: Welche Elemente des Nordic Bond-Marktes könnten aus Ihrer Sicht sinnvoll auf einen deutschen Standard übertragen werden? Wo sehen Sie eher Schwierigkeiten?
Christian Czaya: Ein bedeutendes Element des Nordic HY Formats ist die zentrale Trustee-Funktion. Der Trustee ist Dienstleister und steht als Moderator zwischen Emittent und Investor. Seine Rolle ist dabei nicht auf die Überwachung von Covenants oder notwendige Anpassungsprozesse beschränkt – der Nordic Trustee begleitet eine Emission bereits bei der Dokumentationserstellung und stellt zusammen mit dem Emittenten, Transaktionsanwälten und den begleitenden Banken sicher, dass etablierte Nordic HY Standards eingehalten werden. Die Trustee-Funktion hat sich über Jahrzehnte bewährt und wurde in ihrer Ausgestaltung permanent verbessert. Diese Anpassungen erfolgten vor allem auch in oder nach Finanzkrisen, die mitunter Schwächen in der Ausgestaltung der Anleihedokumentationen erkennbar machten. Dieser fehlende Erfahrungshorizont ist vermutlich die größte Herausforderung für die Etablierung eines „German Bond Standards“. Es gibt in Deutschland schlicht keinen gemeinsamen Vertreter als Substitut, der über die gleiche Qualität, Marktkenntnis und Erfahrung wie der Nordic Trustee verfügt.
„Der fehlende Erfahrungshorizont eines zentralen Trustees ist vermutlich die größte Herausforderung für die Etablierung eines `German Bond Standards´“
Anleihen Finder: Wie beurteilen Sie aktuell das Emissionsumfeld für Unternehmensanleihen in Europa vor dem Hintergrund von Zinsniveau, Volatilität und geopolitischen Risiken?
Christian Czaya: Die Rahmenbedingungen für ein solides Wachstum des Anleihesegments mittelständischer Unternehmen sind weiter gut. Geopolitische Risiken scheinen aktuell weniger marktbestimmend zu sein, als noch vor einigen Jahren. Die Frequenz und Erratik politischer Entscheidungen in den USA, wird von den Kapitalmarktakteuren allenfalls kurzfristig zur Kenntnis genommen. Weit bedeutsamer ist die volkswirtschaftliche Entwicklung in Deutschland. Gerade Unternehmen des Mittelstands leiden im internationalen Vergleich überproportional unter hohen Energiepreisen, Überregulierungen und bürokratischen Hürden. Vor diesem Hintergrund und auch als Folge restriktiverer Darlehensvergabe durch Banken, wird gerade der Nordic Bond eine immer bedeutendere Rolle im Finanzierungsmix von Unternehmen spielen.
Anleihen Finder: Welche Trends beobachten Sie derzeit bei Struktur, Laufzeiten und Preisgestaltung neuer Anleihen?
Christian Czaya: Strukturen und Laufzeiten können den Bedürfnissen der Emittenten angepasst werden, sind aber im Nordic HY Format weitestgehend standardisiert. Je nach Unternehmenssituation sind „Senior Secured“ und „Senior Unsecured“ Anleihen denkbar, Laufzeiten liegen zwischen 3 und 5 Jahren. Die genaue Ausgestaltung (Sicherheiten, Covenants etc.) entsteht im Dialog zwischen Emittenten und Investoren. Auch die Preisgestaltung folgt dieser Logik: ein Unternehmen mit einer planbaren operativen Entwicklung und soliden Cashflows wird anders beurteilt, als ein Wachstumsunternehmen mit erfolgreicher, aber aggressiver M&A Strategie. Das Gute ist: für beide Modelle gibt es einen Preis, der im Nordic HY Markt grundsätzlich im Bereich von 3-Monats-Euribor +400 bis +800 Basispunkten liegt.
Anleihen Finder: Abschließend: Welche Erwartungen haben Sie für den Nordic Bond-Markt in diesem und den kommenden Jahren? Welche Rolle wird das Segment künftig im europäischen Finanzierungsmix spielen?
„Unsere Reise geht weiter“
Christian Czaya: Das Nordic HY Format hat sich etabliert und ist für Unternehmen wie Investoren auch über europäische Grenzen hinaus eine interessante Finanzierungs- und Investitionsalternative. Das Wachstum dieses Segments wird weiter anhalten – wir erwarten für 2026 ein unverändert hohes Neuemissionsvolumen und damit ausstehendes Gesamtvolumen von 70 Mrd. Euro.
Emittenten schätzen den flexiblen und effizienten Zugang zu einer globalen, institutionellen Investorenbasis – und diese Investoren die Möglichkeit der standardisierten Finanzierung interessanter, mittelständischer Geschäftsmodelle. Unsere Reise geht weiter…
Anleihen Finder: Herr Czaya, vielen Dank.
Hier finden Sie den Original-Artikel: Christian Czaya, Pareto Securities: „Unsere Reise geht weiter“