Lange Jahre galt die Feststellung: Kaum ein Stadtwerk ohne Erdgasverteilnetz. Das erklärt sich bereits beim Blick auf die deutsche Heizungsstruktur, denn gut die Hälfte aller Gebäude und Wohnungen wird mit Wärme versorgt, die zuvor aus Erdgas generiert wurde. Doch das könnte sich ändern! Denn aktuell vollzieht sich ein Umbruch, der entscheidende Weichen für die Zukunft der deutschen Heizungen stellt. „Damit ist nicht nur das sich abzeichnende, das bestehende Gebäudeenergiegesetz (GEG) ablösende neue Gebäudemodernisierungsgesetz (GMG/GModG) gemeint“, stellt Alexandra Wegge, Projektmanagerin Wärmewende bei der ASEW, klar. „Vielmehr betrifft es eine strategische Neuausrichtung, die viele Stadtwerke derzeit aktiv vollziehen oder im Begriff sind zu beschließen. Es ist die Frage, die im Kontext von Klimaschutznotwendigkeiten, anziehenden Preisen und neuen geopolitischen Unsicherheiten zu beantworten ist: Welche Zukunft haben die Erdgasverteilnetze vor Ort noch?“
Für Endkunden lässt sich das in einem Indikator ablesen: den steigenden Erdgaspreisen. Auf diese wirken zahlreiche Faktoren mit ein. Da wäre zum einen die seit Beginn des Ukrainekrieges komplizierter gewordene Lieferstruktur, die verstärkt auch auf LNG setzt. Die neuen Lieferwege und die notwendige Energie zur LNG-Regasifizierung verteuern das Endprodukt. Dann sind da staatliche Belastungen, etwa aus dem Emissionshandel bzw. in Form von CO2-Preisen, die die europäische Klimaschutzpolitik fordert. Und dann kommen die bekannten sowie neue geopolitische Unsicherheiten hinzu.
Ein sehr wesentlicher Faktor für Preissteigerungen, der sich bereits heute abzeichnet, sind die Netznutzungsentgelte. Hier zeigen sich substanzielle Kostenanstiege, wenn immer weniger Menschen über die Verteilnetze Erdgas beziehen. Denn trotz einer stetig schrumpfenden Kundschaft muss das Verteilnetz in seiner Dimensionierung nicht nur aufrechterhalten, sondern auch weiterhin gewartet und ggf. streckenweise sogar ausgebaut werden. Dies bindet Investitionen, die nicht für drängende Zukunftsthemen verfügbar sind. Diese Kosten werden zukünftig auf eine langsam schrumpfende Abnehmerschaft verteilt, d.h. die Netzentgelte für diejenigen, die weiterhin Erdgas beziehen, steigen entsprechend stark. „Die Herausforderung liegt hierbei in dem Umstand, dass Abwanderung aus den Gasnetzen bisher ungeordnet erfolgt, sprich die Folgen daraus für Netzbetreiber und Energieversorger auch nicht im Voraus planbar sind“, gibt Alexandra Wegge zu bedenken. „Das führt zu einem hohen Maß an Unsicherheit bei den Gasnetzbetreibern. Über das Verfahren aus Paragraph 71 GEG wäre dieser Prozess zumindest ansatzweise planbar. Die genannten Faktoren werden von den betroffenen Akteuren als Risiken wahrgenommen und natürlich dementsprechend eingepreist.“
Das liegt auch daran, dass zumindest national betrachtet das Ende des GEG, und mit ihm besonders von Paragraph 71 GEG, die Basis für die Erstellung von Verteilnetzentwicklungsplänen, die die Grundlage etwa für die Stilllegung der Gasnetze bilden, schwächen wird. Denn der durch das GEG forcierte und relativ zuverlässig prognostizierbare Nachfragerückgang nach Erdgas in den kommenden zehn Jahren wird nun so eher nicht kommen, deutlich schwächer ausfallen oder wesentlich später erfolgen. „Das wiederum hat zur Folge, dass die Gasverteilnetze noch deutlich länger flächendeckend betrieben und saniert werden müssen, während die Kosten von einer schrumpfenden Abnehmerzahl getragen werden müssen. Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte darin liegen, die Erdgas- (und übrigens auch die Stromnetze) als Teil notwendiger Infrastruktur geschlossen von der Solidargemeinschaft sämtlicher Energie-Kunden und -Kundinnen tragen zu lassen.“
Eine parallele Entwicklung betrifft die kommunale Wärmeplanung. Mit den angedachten Änderungen im GMG/GModG sinkt deren unmittelbare Bedeutung, denn primär sollte sie Bürgern eine Orientierung darüber geben, welches Heizsystem in Frage kommt, wenn eine mit fossilen Brennstoffen betriebene Heizung nicht mehr erlaubt ist. Das heißt für Stadtwerke wiederum: Auch wenn das Betriebsverbot neuer fossiler Heizungen im Bestand nach § 71 GEG nun vorerst abgeschrieben scheint, so hat sich an den Fakten der Lage wenig verändert. Die Kosten für den Abnehmer werden weiterhin steigen und volkswirtschaftlich bleibt Deutschland durch fortgesetzt hohe Gasimportquoten von geopolitischen Entwicklungen abhängig. Abnehmer sind also nach wie vor gut beraten, zeitnah auf ein erneuerbares Heizsystem umzusteigen. „Das alles will letztlich gut gegenüber den Kunden, speziell natürlich solchen mit laufenden Gasbezugsverträgen, kommuniziert werden. Und dabei sollte enormes Fingerspitzengefühl zur Anwendung kommen. Denn allzu schnell kommt von Kundenseite der Vorwurf der Bereicherung auf, gleichgültig, ob die Kommunikation zum Ausstieg aus dem Erdgas oder zum Verbleib im Segment rät. Eine vielfach von Stadtwerken favorisierte Lösung ist es hierbei, dass die Kommunen eine stärkere Rolle bei der Kommunikation übernehmen. Als Anteilseigner an den Stadtwerken sind sie zwar nicht neutral, doch unterstellen Bürgerinnen und Bürger ihnen weitaus weniger umsatzgetriebene Motive.“
Die Frage nach der Zukunft der Erdgasverteilnetze berührt also viele Ebenen. Dass sie für Stadtwerke und Kommunen eine zentral wichtige ist, steht dabei außer Frage. „Denn bei allen Diskussionen um intensiveren Klimaschutz, eine ethische (und damit ggf. auch teurere) Einkaufspolitik oder den technologischen Fortschritt bei Heizungssystemen sollte man eines nicht außer Acht lassen“, gibt ASEW-Geschäftsführerin Daniela Wallikewitz zu bedenken. „Für viele kommunale Versorger stellen Gasnetzbetrieb und Gaslieferung eine wichtige, wenn nicht die zentrale, Erlösquelle dar. Viele Versorger können, auch im Kontext der im Bereich nötigen auf jahrzehntelange Abschreibungszyklen hin getätigten Investitionen, das Geschäftsfeld nicht ohne weiteres aufgeben. Die entfallenden Erlöse können kaum kurz- und mittelfristig durch Wärmenetze oder Wärmepumpen-Contracting ausgeglichen werden. Mit diesem wichtigen Standbein könnten letztlich die Stadtwerke auch selbst vom Markt verschwinden.“
Auch deshalb lässt sich aktuell ein starker Trend hin zu Partnerschaften und Fusionen in der Energiewelt beobachten. Es geht also nicht bloß um die Frage nach Ja oder Nein zu Erdgas, sondern ggf. um die Definition einer neuen Rolle in der lokalen Daseinsvorsorge und deren wirtschaftliche Erschließung. Das hat auch Auswirkungen auf die Kommunen: Denn damit schrumpft ebenfalls der kommunale Überschussanteil sowie das Querfinanzierungspotenzial für andere kommunale Leistungen, etwa den heute bereits meist defizitären und nur dank der Energieeinnahmen überhaupt aufrechtzuhaltenden Bäderbetrieb.
Die ASEW beobachtet die Entwicklung weiterhin aufmerksam und erarbeitet etwa in den Arbeitskreisen aktiv Lösungsansätze. Details veröffentlichen wir fortlaufend unter www.asew.de.