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Keine Zeit für Alleingänge

Dritte enter the future-Veranstaltung: "Klimaschutz - zwischen gut gemeint und gut gemacht"

(PresseBox) (Igersheim, )
Die Wittenstein Stiftung lud am Donnerstag, 11. November zur dritten Veranstaltung der Reihe „enter the future“ in die TauberPhilharmonie in Weikersheim ein. Über 80 Gäste vor Ort und 125 Personen via Live-Stream bekamen so die Möglichkeit, die beiden hochkarätigen und renommierten Referenten Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber und Prof. Dr. Hans-Werner Sinn zum Thema „Klimaschutz – zwischen gut gemeint und gut gemacht“ diskutieren zu hören – und mit ihnen persönlich in den Dialog zu treten.

Der Moderator des Abends, Benedikt Hofmann (Chefredakteur des MM MaschinenMarkt), hätte es eingangs der Veranstaltung treffender nicht formulieren können: „Relevanter und aktueller kann das Thema Klimaschutz nicht werden“. Dies bestätigte auch Dr. Manfred Wittenstein, Kuratoriumsvorsitzender der Wittenstein Stiftung – welche die Veranstaltungsreihe „enter the future“ im September 2021 von der WITTENSTEIN SE übernommen hat. „Der Klimaschutz ist die große Herausforderung des 21. Jahrhunderts, die wir nur gemeinsam meistern können. Ideologien und Scheingewissheiten gewinnen dahingehend leider die Oberhand. Dem möchten wir mit unserer Veranstaltungsreihe entschieden entgegentreten und mit Perspektiven-Vielfalt und Beteiligung die Gesellschaft wieder in einen Dialog miteinander bringen“, so der Gastgeber. Für diese Perspektiven-Vielfalt sorgten Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber und Prof. Dr. Hans-Werner Sinn – beides herausragende und gefragte Persönlichkeiten auf ihren Gebieten.

Wie wollen wir in Zukunft leben und wirtschaften?
Mit dieser Frage eröffnete Prof. Dr. Hans Joachim Schellnhuber, ehemaliger Direktor des von ihm gegründeten Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung sowie langjähriges Mitglied des Weltklimarats, seinen Vortrag. „Nach zwei Jahrhunderten eines atemberaubendes Wachstumsprozesses erinnert uns die Natur in sehr ernsthafter Weise daran, dass wir unser Leben so nicht weiterführen können“, so der Pionier der Klimafolgenforschung. Mit plakativen Beispielen skizzierte Prof. Dr. Schellnhuber, was dem Planeten Erde drohe, wenn der Mensch weiterhin maßlos Raubbau an dessen Ressourcen betreibt und die globale Erwärmung nicht gestoppt wird. Er bezog sich dabei vor allem auf die Kippelemente im Erdsystem, welche durch menschliche Einwirkung über eine kritische Grenze hinaus belastet werden und es folglich zu irreversiblen Änderungen komme. Dass es noch nicht endgültig zu spät sei, die „große Transformation“ einzuläuten, unterstrichen die von Prof. Dr. Schellnhuber gezeigten zahlreichen Beispiele, wie die Erderwärmung vielleicht doch noch unter der zwei-Grad-Marke gehalten werden könne. CO2-Quellen müssten demnach in Form von Dekarbonisierung dauerhaft stillgelegt, Wälder aufgeforstet und Stahl und Beton aus dem Bausektor so weit es geht eliminiert werden. Letzteres beschreibt der Träger des Bundesverdienstkreuzes als den „Elefant im Klimaraum“. Allein durch eine sukzessive Umwandlung der Städte in gebaute Wälder, d.h. eine komplette Umstellung auf nachwachsende Baurohstoffe wie Holz, Bambus oder Hanf, wäre es möglich, eine gewaltige Kohlenstoffsenke zu erschaffen. Auch der Sonnen- und Windenergie komme nach Prof. Dr. Schellnhubers Ausführungen im Rahmen der nötigen Neuverteilung der Energieversorgung eine elementare Rolle zu. Vor allem flächendeckende Photovoltaikanlagen, die künftig als schwimmende oder fliegende Plattformen einen noch höheren Output generieren könnten, seien eine unumgängliche Alternative der grünen Stromerzeugung. Eine weitere wichtige Rolle werde in Zukunft auch die digitale Kreislaufwirtschaft spielen: Durch die zunehmende Digitalisierung, künstliche Intelligenz und Quantentechnologie sei auch die Industrie in der Lage, einen erheblichen Teil zur Ressourcenschonung beizutragen.

Wie werden Menschen bewegt, das Richtige zu tun?
Die Ansicht, welche Maßnahmen in puncto Klimaschutz notwendig seien, vereinte Prof. Dr. Schellnhuber mit seinem Folgeredner Prof. Dr. Hans-Werner Sinn, ehemaliger Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung sowie Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Welche marktwirtschaftlichen Anreize für deren Umsetzung getroffen werden müssten, wurde zwischen den beiden Referenten hingegen kontrovers diskutiert. „Es ist keine Zieldebatte, die wir führen, sondern eine Debatte über den Weg. Solange die Politik wie gegenwärtig eingreift und reguliert, schafft der Markt keine Anreize und neuen Möglichkeiten der Wertschöpfung“, ist der Ökonom überzeugt. Zudem führte Prof. Dr. Sinn die „7 großen Fehler der deutschen Klimapolitik“ an, die insgesamt nur ein Beispiel dafür seien, dass „Klima nicht geschützt werden kann, ohne bindende weltweite Abkommen zu schließen und zu kontrollieren“. Beispielsweise halte Deutschland als einziges Land noch am Atomausstieg fest, während sich weltweit zahlreiche neue Atomkraftwerke im Bau bzw. in der Planung befänden und Länder wie Schweden oder Japan ihren Atomausstieg rückgängig gemacht haben. „Deutschland wird in Sachen Atomkraft so zum Geisterfahrer auf der Autobahn“, verdeutlicht Prof. Dr. Sinn. Des Weiteren werde im europäischen Automobilsektor der Markt als
Entdeckungsverfahren für CO2-arme Technologien ausgeschaltet, da Direktiven statt nachhaltiger Effizienz- und Effektivitätsüberlegungen für Autobauer ausschlaggebend seien. Nicht zuletzt beim Thema Ölförderung kritisiert Prof. Dr. Sinn: „Wir senken zwar den Ölverbrauch, aber die Ölfördermenge bleibt gleich. Öl, das hier nicht verbraucht wird, wird dann eben von Asien und den USA gekauft und dort verbrannt. Der Effekt des deutschen Verzichts ist somit nicht nur klein, sondern gleich Null.“ Effektive Möglichkeiten, die von der Politik genutzt werden sollten, sieht Prof. Dr. Sinn im Bau neuer, sicherer Atomkraftwerke, in der Sequestrierung und Aufforstung – bis hin zum Kauf und Schutz von Wäldern, in einer Quellensteuer auf Finanzinvestitionen und sichere Eigentumsrechte für Ressourcen im Boden sowie in einem weltweiten Emissionshandel und einem multinationalen Handelsabkommen der Klimapolitik.

Gastgeber Dr. Manfred Wittenstein brachte es nach den beiden Impulsvorträgen sowie einigen interessierten und mitunter kritischen Beiträgen aus dem Publikum abschließend auf den Punkt: „Ich denke die Veranstaltung hat klargemacht, dass man sich dem Thema Klimaschutz nur mit einem hinreichend ganzheitlichen Ansatz wirklich erfolgversprechend nähern kann. Gemeinsam können wir vieles bewegen, allein wird es uns nicht gelingen“. Die Aufzeichnung der gesamten Veranstaltung inklusive der Diskussionsrunde mit dem Publikum finden Sie unter www.wittenstein-stiftung.de/enter-the-future.

Nächste enter the future-Veranstaltung
Für Anfang 2022 ist bereits die nächste Veranstaltung der Wittenstein Stiftung in Planung: Mit dem Vergleich des asiatischen und des abendländischen Menschen- bzw. Gesellschaftsbildes soll auch hier wieder über einen Perspektivwechsel ein kritischkonstruktiver Austausch und Verständnis über kulturelle Grenzen hinweg gefördert
werden, um notwendige Transformationsprozesse einer globalisierten Welt erfolgreich meistern zu können.

 

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